Immer weniger Anwälte vertreten Bürgergeld-Bezieher – was das für Betroffene bedeutet
Ein aktueller Bericht des Nachrichtenmagazins „Bürger & Geld“ (herausgegeben vom Verein Für soziales Leben e. V.) zeigt eine besorgniserregende Entwicklung im deutschen Sozialrecht: Immer weniger Anwältinnen und Anwälte sind bereit, Bürgergeld-Empfänger in rechtlichen Auseinandersetzungen mit dem Jobcenter zu vertreten. Für viele Betroffene droht damit eine gefährliche Lücke im Rechtsschutz und für den Anwaltsmarkt verändert sich eine ganze Praxislandschaft.
Rückgang der Fachanwälte für Sozialrecht
Nach Angaben der Bundesrechtsanwaltskammer gab es Anfang 2025 bundesweit nur noch rund 1.619 Fachanwältinnen und Fachanwälte für Sozialrecht ein Rückgang von knapp drei Prozent gegenüber dem Vorjahr. Besonders in ländlichen Regionen fehlen spezialisierte Kanzleien, sodass Bürgergeld-Bezieher teils lange Wege auf sich nehmen oder ganz auf anwaltliche Unterstützung verzichten müssen.
Die Ursachen liegen vor allem in unzureichender Vergütung, hoher Bürokratie und wirtschaftlichen Risiken. Häufig werden Anwaltskosten von Jobcentern erst spät oder gar nicht erstattet; offene Forderungen der Mandanten werden zudem nicht selten mit Gebühren verrechnet. Viele Anwälte berichten außerdem von einem zunehmenden Verwaltungsaufwand, langen Verfahrensdauern und einer geringen Wertschätzung ihrer Arbeit durch Behörden und Politik.
Auswirkungen auf Bürgergeld-Empfänger
Die Folgen für Leistungsbeziehende sind gravierend. Ohne anwaltliche Unterstützung steigen die Risiken, fehlerhafte Bescheide nicht anzufechten oder Fristen zu versäumen. Gerade Menschen mit geringerem Bildungsniveau oder eingeschränkten Sprachkenntnissen verlieren damit oft den Zugang zu ihrem Recht.
Mögliche Konsequenzen:
- Weniger Widersprüche und Klagen gegen unrechtmäßige Bescheide
- Geringere Aufklärung über Ansprüche und Rechte
- Höheres Risiko von Leistungskürzungen oder Fehlentscheidungen
- Zunehmende soziale Unsicherheit – bis hin zur Existenzgefährdung
Statistische Entwicklung
| Jahr | Fachanwälte für Sozialrecht | Veränderung zum Vorjahr |
| 2023 | 1.667 | – |
| 2024 | 1.668 | +0,06 % |
| 2025 | 1.619 | –2,9 % |
Quelle: Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK)
Welche Wege bleiben Betroffenen offen?
Trotz der schwierigen Lage gibt es weiterhin Möglichkeiten, rechtliche Hilfe zu erhalten:
- Beratungshilfe und Prozesskostenhilfe: Staatliche Unterstützung für Menschen mit geringem Einkommen.
- Sozial- und Wohlfahrtsverbände: Viele Organisationen bieten kostenfreie oder kostengünstige Erstberatung.
- Online-Plattformen: Mustertexte, Rechtsinformationen und Erfahrungsaustausch können bei Standardfällen helfen.
- Gewerkschaften: Oft inklusive Rechtsberatung im Mitgliedsbeitrag.
Fazit
Der Rückzug vieler Anwältinnen und Anwälte aus dem Sozialrecht zeigt ein strukturelles Problem: Der Zugang zum Recht darf nicht vom Einkommen abhängen. Wenn immer weniger Kanzleien bereit sind, Bürgergeld-Bezieher zu vertreten, droht eine Aushöhlung des sozialstaatlichen Grundprinzips.
Politik und Justiz sind gefordert, attraktivere Rahmenbedingungen zu schaffen etwa durch angepasste Vergütungssysteme, vereinfachte Verwaltungsprozesse und mehr Unterstützung für engagierte Fachanwälte. Nur so kann der Anspruch auf effektiven Rechtsschutz auch für sozial schwächere Gruppen gewährleistet bleiben.